Foto Alexander Babic / www.ankerherz.de

AMRUMER ORIGINAL

Georg Quedens ist ein Amrumer Urgestein. Seit Generationen ist seine Familie auf der Nordseeinsel zuhause. Als Kind war er oft täglich von ab vier Uhr morgens an in seinem „Revier“, in den Dünen unterwegs, auf der Jagd nach Möweneiern, Strandgut und Karnickeln. An einem Morgen im Spätherbst, als Quedens zehn oder elf Jahre alt war, hatte dieses Hobby fatale Folgen: „An diesem Morgen war ich stundenlang barfuß durch den Sand gelaufen, der eisig kalt war vom Frühreif. Um Karnickel zu fangen, musste ich barfuß laufen. Mit Schuhen wäre ich nicht schnell genug gewesen. Ich spürte damals nicht, wie die Kälte in meine Beine kroch. So holte ich mir eine bakterielle Entzündung in Knie und Hüftgelenk.“

Vom Karnickeljäger zum Fotograf

Die Erkrankung hat sein Leben für immer verändert. „Ein, zwei Penizillinspritzen, und die Sache wäre erledigt gewesen. Doch damals gab es in Deutschland kein Penizillin. Die Ärzte hatten nicht die Ausbildung wie heute. Ich weiß nicht, ob sie rechtzeitig und richtig handelten. Jedenfalls blieb mein linkes Bein steif, ein Dutzend Operationen später hatte ich keine Gelenkpfanne mehr, dafür ein verkürztes Bein, und irgendwann war auch noch eine Niere weg.“ Ohne diesen Vorfall hätte Quedens vielleicht studiert. Doch wegen der vielen Krankenhausaufenthalte war er selten in der Schule und absolvierte am Ende nur sechs Klassen. So wurde er Fotograf, wie sein Vater. „Ich konnte zwar nicht mehr so laufen wie vorher, doch meine Leidenschaft trieb mich weiter in die Dünen. Nur dass ich meine Objekte nun mit der Kamera erbeutete. Mit der Zeit baute der Amrumer ein Archiv auf. 1958 hielt er seinen ersten Diavortrag, seither sind es bis zu 300 im Jahr. Über die Nordsee und das Wattenmeer, über die Amrumer Vogelwelt, über Amrum in der guten alten Zeit. „Wenn man auf die 80 zugeht, geht das in die Beine“, lacht er, „aber ansonsten bin ich kerngesund. An mir verzweifelt jeder Arzt und Apotheker, nicht ein Pfennig ist an mir zu verdienen. Die Hüftsache hat sich ja längst eingelaufen, das nehme ich gar nicht mehr wahr.“

Insel-Experte

„Ich behaupte: Es gibt wenige Menschen, die sich für Natur und Geschichte so interessieren wie ich. Und es gibt keinen, der sich in Nordfriesland so auskennt wie ich. Fragen Sie, was Sie wollen, ich weiß eine Antwort. Ich habe die letzten 300 Jahre im Kopf.“ Daran besteht kein Zweifel, wenn man sich die Menge an Büchern ansieht, die Quedens bereits verfasst hat. Wie viele es sind, weiß er selbst nicht genau: „Ich schätze, 80 werden es sein. Dazu kommen noch die Jahreschroniken von Amrum, von denen auch schon 30 Bände erschienen sind. 1954 schrieb ich einen Artikel, den der „Amrumer Inselbote“ veröffentlichte. Überschrift: »Schützt die Amrumer Vogelwelt.« Die Leute dachten: Jetzt ist der Quedens komplett verrückt geworden. Die kannten mich bis dahin doch nur als Eierdieb und Karnickeljäger. Seitdem liege ich auf der Lauer, wenn die Möwen und Austernfischer brüten. So wie ich arbeitet heute kein Fotograf mehr.“ Seine Kamera ist eine alte Minolta, das Objektiv ist 50 Jahre alt, er fotografiert immer noch auf Film. Die Aufnahmen landen nach Themen sortiert in seinem Wohnzimmerschrank. „Ich weiß, was in jeder Tüte drin ist, ich kenne alle Motive. Aber nur ich, das ist das Problem. Neulich kam mein Sohn und sagte: »Ik brük een Bil faan an ualen Maan.« Ein Bild von einem alten Mann? Hatte ich natürlich. Mein Sohn hat auch Fotograf gelernt, danach als Grafiker in Hamburg gearbeitet. Vor einigen Jahren kehrte er nach Amrum zurück. Ich hoffe, dass er mein Archiv einmal weiterführt.”

Einmal Amrum,immer Amrum

Bedauert Quedens eigentlich, dass er schon als Jugendlicher krank wurde und deshalb nie weggekommen ist von Amrum? Seine klare Antwort: „Für Amrum hat es sich gelohnt. Und für mich gab es nie einen Anlass, fortzugehen. Ich fahre auch nicht gerne in den Urlaub. Wenn ich doch mal wegfahre, sage ich: Meine Frau muss auch mal aus dem Haus kommen. Spätestens nach einer Woche sind wir sowieso wieder zurück. Wer auf Amrum lebt, braucht keinen Urlaub.“ Und Langeweile kommt bei Quedens sowieso nie auf, seine nächsten Projekte hat er schon im Kopf: „Als nächstes kommt vielleicht ein Buch über das Rettungswesen von Amrum. Oder ich mache eines über die Vogelkoje. Geschichte muss erhalten bleiben. Das ist wie bei Familienfotos. Die gehören in ein Album, das die Kinder später ansehen und anfassen können.
Über Internet und Computer würde das nicht funktionieren, es wäre keine richtige Erfahrung. Meine Fotos und Geschichten gehören zwischen Buchdeckel. Nur Bücher sind sichere Aufbewahrer. Und die Garantie, dass Geschichte weiterlebt.“

Text: Gerhard Waldherr und Kathrin Nolte


BUCHTIPP:
„Inselstolz: Zwischen Strandkorb und Sturmflut” – das sind 25 Erzählungen von Menschen an der Nordsee, die sind wie ihre Heimat: rau, charmant und einzigartig. Liebenswert, manchmal dramatisch, oft voller Überraschungen. So wie Georg Quedens aus Amrum. Herausgeber Uwe Bahn, Autor Gerhard Waldherr und Fotograf Alexander Babic haben mit diesem Buch eine literarische Ode an Norddeutschlands kleine Welten vor der Küste und das große Herz ihrer Bewohner verfasst. Ankerherz Verlag, 29,90 Euro www.ankerherz.de