ES WAR EINMAL: EROS BAR HARBURG

geschrieben in: KUNST + KULTUR am Mittwoch, 09 Januar 2013.

ES WAR EINMAL:  EROS BAR HARBURG

Aus dem Archiv: 2003

Guter Name verpflichtet? Zu diesem Etablissement im Harburger Hafen hat so mancher Harburger vielleicht seine ganz bestimmten Assozioationen. Weit gefehlt, der Name dieses seit nunmehr 38 Jahren "in einer Hand geführten" Lokals entstand ganz einfach deshalb, weil der inzwischen verstorbene Ehemann von Gastwirtin Sonja namens Stefano ein Grieche war und mit der Bezeichnung "Eros-Bar" dem Liebesgott seines Landes eine Ehre erweisen wollte.

Seine wirkliche Liebe galt allerdings seiner Ehefrau, mit der er bereits in den späten 50er Jahren auf Hamburg-St.-Pauli die Gastwirtschaft "3-Stern-Klause" betrieb. Der Nachholbedarf im Nachkriegsdeutschland war sehr gross und so lief das gemeinsame Geschäft schon damals sehr gut. Beide waren bis zum Tode des Ehemannes "ein tolles Arbeitsteam und es ist eine feine Sache, wenn man sich so gut aufeinander verlassen kann", berichtet die gelernte Versicherungsangestellte, die nach wie vor "die Bücher macht". Als sie Mitte der 60er von einem Freund einen Imbiß in der Harburger Schloßstraße 14 angeboten bekamen, dachten die beiden daran ein zweites Lokal betreiben zu wollen und so war Bedingung für den Kauf, dass man von der Behörde die Erweiterungsgenehmigungen bekommt. Die Behördengänge wurden erledigt und nach sechs Monaten mit Handwerkern, die nach Aussage der Wirtin "die Arbeit nicht erfunden hatten" machten die Eheleute den Rest selbst sodass am 1. Mai 1965 Einweihung war.

"Ich habe hier schon so manchen Gast mit der „Hamburger 8“ rausgehen sehen"

Es kam eine Zeit, in der es aufgrund beider hervorragend laufender Lokale nur noch hiess "vom Laden ins Bett und vom Bett in den Laden" so berichtet die fröhlich gebliebene Sonja mit Ihren - obwohl in die Jahre gekommen - sehr wachen Augen. Wiederum ein anderer Freund wollte unbedingt das Hamburger Lokal kaufen und da die Gäste in der Eros-Bar inzwischen jeden Abend in Dreierreihen vor dem Tresen standen, verkauften die beiden die Hamburger „3-Stern-Klause“. Hinzu kam auch, dass sie inzwischen die direkt über der Harburger gelegene grosse Wohnung mieten konnten. "Wir haben uns in Harburg immer sehr wohl gefühlt und so lange ich gesund genug bin das Geschäft zu führen, werde ich das auch tun", sagt sie uns. Auf die Frage hin, ob es denn in der Harburger Kneipe im Gegensatz zu Hamburg langweilig gewesen wäre, antwortet sie: "Langweilig? , ich habe hier schon so manchen Gast mit der „Hamburger 8“ rausgehen sehen und dachte in den 60ern ich wäre hier in Chicago". In den letzten Jahren wäre es aber immer ruhiger geworden, sowohl bezüglich der "Vorfälle" als auch in Bezug auf die Besucherzahl.

Früher wusste die Wirtin genau wann welche Schicht im Hafen zu Ende war und so mancher hat den Grossteil der am Freitag erhaltenen Lohntüte bereits in der ersten Nacht versoffen. „Für uns sind die Channels Käse“ sagt sie, aber das macht wiederum auch nichts, denn 1992 hat Sie das Haus gekauft und somit könne Sie es sich leisten den Laden aus alter Verbundenheit und Hobby zu betreiben. Die Eros-Bar ist ein echtes Überbleibsel der Zeit in denen Kneipen "der Renner" waren und mitsamt der Wirtin und den wenigen alten Stammgästen ein echtes Harburger Unikat. Neulich, so berichtet uns der Kellner war der Umsatz mal kräftig: Ein Gast hat den ganzen Abend eine Flasche Bacardi mit Cola getrunken und die Chefin hätte sich mit Feigling-Fanta-Mix in Geselligkeit geübt. Selbstverständlich wurde ausser einigen für die frühen 70er zeitgemässen Holzeinbauten im gesamten Etablissement nichts mehr gemacht und so kann der Gast der diese Zeit nicht kennt hier mal so richtig Flair mit den dazupassenden Gäste tanken.

 

"Was bückst Du Dich denn so - glaubst Du, hier hat einer Geld verloren?"

Eine Musikbox mit den Singles, die wir alle schon fast vergessen haben aber irgendwie doch gern hören, eine übersichtliche Getränkekarte an der Wand, mit der sich vor Jahrzehnten einmal jemand viel Mühe gemacht hat und in der Schaufensterdekoration eine Reihe von leeren Flaschen, die den Besucher auf Geschmack bringen sollen - allerdings lassen sich die Labels der Flaschen nicht so richtig dem Produkt zuordnen, weil entweder das Design längst verändert wurde und die Sonne den Farben auf den Flaschen den "Garaus" gemacht hat.

"Was glaubst Du eigentlich wo Du hier bist Alter - im Marinas?"

Die Chefin hat zu Zeit aufgrund einer leidigen Hüftoperation einen sehr gebeugten Gang und so sagt Rudi, der im Moment aushilft und gleichzeitig ältester Stammgast ist, zu Ihr: " Was bückst Du Dich denn so - glaubst Du, hier hat einer Geld verloren? " Rauh, aber herzlich lautet hier die Devise und als wir nach ein paar Erdnüssen oder Chips zur zünftigen 0,33-Astra-Knolle (hier selbstverständlich immer aus der Pulle) fragen, macht der Kellner einen irritierten Blick und dann erhalten wir die fragende Antwort: "Was glaubst Du eigentlich wo Du hier bist Alter - im Marinas ?" Wir geben dem Kellner noch einen aus und als er wieder kommt und wie immer sehr höflich aber auch schwankend bedient fragen wir: "Hoffentlich kippst Du auch nichts über?" und erhalten die Antwort: Ne, ich trink vorher immer einen Schluck ab, dann kann das auch nicht so pladdern!".

Man gibt sich eben Mühe und wer Wein bestellt, hat - solange der Vorrat reicht - Glück: Aufgrund der hier nicht gängigen Ware erhält man gute Jahrgänge zu attraktivem Preis, selbstverständlich wird dann auch der klassische Schoppen im Beisein des Gastes geputzt. Und beim Bezahlen erhält der Gast nicht so einen unpersönlichen Kassenbon, nein, nein - es gibt eine mit Liebe und Sorgfalt handgeschriebene Rechnung auf dem guten alten schmalen Kneipenzettel. Eben bis zum Schluss: Ein Harburger Original!

Erlebt von Autor Benny Block © 2003